„Na, hat dir der Weihnachtsmann was Schönes beschert?“

„Danke, ich bin zufrieden,

mein Freund hat mir das Computerspiel zurückgebracht,

das er vor langer Zeit borgte, mein silbernes Taschenmesser

fand sich in einer alten Hose, außerdem ist meine Tante krank

und wird mich nicht besuchen kommen.“

 

 

 

 

 

An dieser Stelle bedanke ich mich für alle Weihnachtskarten, die in meinem Briefkasten gelandet sind. Sogar aus der anderen Großstadt am Rhein, aus dem Heimatstadtteil und aus einem "Nachbardorf" mit einem wunderbaren Text.

Schatzi - bei Dir möchte ich mich hiermit ganz besonders bedanken.

 

 

 

Der Adpfent

Aus einem Schüleraufsatz:

Der Adpfent ist die schönste Zeit im Winter. Die meist'n Leut haben im Winter eine Grippe. Die ist mit Fieber. Wir haben auch eine, aber die ist mit Beleuchtung und man schreibt sie mit K. Drei Wochen bevor das Christkindl kommt, stellt Papa die Krippe im Wohnzimmer auf und meine kleine Schwester und ich dürfen mithelfen. Viel Krippen sind langweilig, aber die unsere nicht, weil wir haben mords tolle Figuren darin. Ich habe einmal den Josef und das Christkindl auf den Ofen gestellt, damit sie es schön warm haben und es war ihnen zu heiß. Das Christkindl ist schwarz geworden und den Josef hat es in lauter Trümmer zerrissen. Ein Fuß von ihm ist bis in den Plätzlteig geflogen und es war kein schöner Anblick. Meine Mama hat mich geschimpft und gesagt, dass nicht einmal die Heiligen vor meiner Blödheit sicher sind. Wenn Maria ohne Mann und ohne Kind herumsteht, schaut es nicht gut aus. Aber ich habe gottseidank viele Figuren in meiner Spielkiste und der Josef ist jetzt Donald Duck. Als Christkind wollte ich den Asterix nehmen, weil der ist als einziger so klein, dass er in den Futtertrog gepasst hätte. Da hat meine Mama gesagt, man kann doch als Christkindl keinen Asterix hernehmen, da ist ja das verbrannte Christkindl noch besser. Es ist zwar schwarz, aber immerhin ein Christkindl. Hinter dem Christkindl stehen zwei Ox'n, ein Esel, ein Nilpferd und ein Brontosaurier. Das Nilpferd und den Saurier habe ich hineingestellt, weil der Ox und der Esel waren mir allein zu langweilig. Links neben dem Stall kommen gerade die heiligen drei Könige daher. Ein König ist dem Papa im letzten Adpfent beim Putzen heruntergefallen und er war dodal hin. Jetzt haben wir nur mehr zwei heilige Könige und einen heiligen Batman als Ersatz. Normal haben die heiligen Könige einen Haufen Zeug für das Christkindl dabei, nämlich Gold, Weihrauch und Pürree oder so ähnlich. Von den unseren hat einer anstatt Gold ein Kaugummipapierl dabei, das glänzt auch schön. Der andere hat eine Marlboro in der Hand, weil wir keinen Weihrauch haben. Aber die Marlboro raucht auch schön, wenn man sie anzündet. Der heilige Batmann hat eine Pistole dabei. Das ist zwar kein Geschenk für das Christkindl, aber damit kann er es vor dem Saurier beschützen. Hinter den drei Heiligen sind ein paar rothäutige Indianer und ein kaasiger Engel. Dem Engel ist ein Fuß abgebrochen, darum haben wir ihn auf ein Motorrad gesetzt, damit er sich leichter tut. Mit dem Motorrad kann er fahren, wenn er nicht gerade fliegt. Rechts neben den Stall haben wir ein Rotkäppchen hingestellt. Sie hat eine Pizza und drei Weißbier für die Oma dabei. Einen Wolf haben wir nicht, darum lurt hinter dem Baum ein Bummerl als Ersatz-Wolf hervor. Mehr steht in unserer Krippe nicht, aber das reicht voll. Am Abend schalten wir die Lampe an und dann ist unsere Krippe erst so richtig schön. Wir sitzen so herum und singen Lieder vom Adpfent. Manche gefallen mir, aber die meisten sind mir zu lusert. Mein Opa hat mir ein Gedicht vom Adpfent gelernt und es geht so: "Adpfent, Adpfent, der Bärwurz brennt. Erst trinkst oan, dann zwoa, drei, vier, dann hautsde mit deim Hirn an'd Tür!" Obwohl dieses Gedicht recht schön ist, hat Muata g'sagt, dass ich es mir nicht merken darf. Bis man schaut, ist der Adpfent vorbei und Weihnachten auch und mit dem Jahr geht es dahin. Die Geschenke sind ausgepackt und man kriegt vor Ostern nichts mehr, höchstens wenn man vorher Geburtstag hat. Aber eins ist g'wiss: Der Adpfent kommt immer wieder.

 

 

 

 

“Eines Tages werde ich ein

Schwert für den König schmieden”

 

Die folgende Weihnachtsgeschichte ist das Abschlusskapitel aus einem der

Bücher von Katia Fox  - alle gelesen und sehr zu empfehlen!

 

Das Kupferne Zeichen

Der Silberne Falke

Der Goldene Thron

 

 

Eine mondlose Weihnacht

von Katia Fox © 2007

England  1183

 „Zwei Wochen nicht arbeiten!“ Ellen stöhnte und nahm einen weiteren Löffel Getreidebrei. Es war noch nicht einmal Abend, und die Schmiede fehlte ihr bereits. „Ich weif nich of ich daf aufhalte“, sagte sie mit vollem Mund. Weihnachten wurde von der Heiligen Nacht bis Epiphanias, dem Tag der Heiligen Drei Könige, mit großem Aufwand gefeiert. Es waren kirchliche Feiertage, an denen nicht gearbeitet werden durfte. „Ich muss das Schwert aber auf jeden Fall heute Nacht härten“, erklärte sie, nachdem sie die Schale leer gelöffelt hatte, „es ist Neumond!“ Ihr Mann, Isaac, wusste nur allzu gut, dass mondlose Neumondnächte besonders geeignet für das Härten waren. Warum also sah er sie so entsetzt an? „Nein Ellen!“, rief er empört aus, „du kannst unmöglich in der Heiligen Nacht härten!“

„Warum denn nicht? Welche Nacht könnte besser geeignet sein, um etwas ganz Besonderes hervorzubringen?“ Ellen sprang auf, ließ ihre Holzschale achtlos auf dem Tisch stehen und stürmte hinaus, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Seit dem Mittag war der Himmel weißgrau mit einem leichten Stich ins Gelbliche. Vielleicht schneit es doch noch, dachte sie. Rose, die sich um den Haushalt der Schmiede kümmerte, hatte es prophezeit, und die Kinder warteten sehnsüchtig darauf. Sie liebten es, wenn Wiesen und Bäume rund um die Schmiede wie mit Mehl bestäubt waren und sie im Schnee herumtollen konnten. Ellen schüttelte den Kopf. Ihr selbst war das Wetter gleich. Sie verbrachte ihre Zeit ohnehin lieber in der Schmiede als draußen. Sie hastete über den Hof, hob den schweren Eisenriegel hoch und stieß die Tür zur Werkstatt auf.

 

Vollkommen ruhig lag das Innere da, kalt und dunkel, denn in den Essen brannte keine Feuer mehr. Die Schmiede – Gesellen ebenso wie Lehrlinge und Schmiedehelfer - hatten bereits am Vortag aufgehört zu arbeiten und waren zu ihren Familien zurückgekehrt. Zu Hause hatte man mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu tun. Fast in jedem Haus wurden längliche Fleischpasteten gebacken, deren Form an die Krippe des Jesuskindes erinnern sollte. Sie waren mit Zimt, Nelke und Muskatnuss gewürzt und schmeckten herrlich, zumindest jene, die Rose zubereitete. Es hieß, es bringe Glück, wenn man bis Epiphanias jeden Tag eine solche aß. Doch es gab noch mehr Vorbereitungen zu treffen. So wurde in vielen Gegenden ein mächtiger Baumstamm herbeigeschafft, den man den yul-log nannte. Nach altem Brauch legte man ihn in die Feuerstatt, und ließ ihn während der zwölf Festtage niemals ausgehen. Und weil zu Weihnachten tüchtig getafelt wurde, buk und briet man überall, bereitete Fleisch von Gänsen, Enten und anderen Tieren und Saucen aus Mandelmilch mit allerlei köstlichen Gewürzen zu. Die Stuben wurden mit Mistel- und Stechpalmzweigen geschmückt, an denen noch die weißen und roten Beeren hingen. Eine aufgeregte Geschäftigkeit hielt allerorten zum Weihnachtsfest Einzug.
 

In der Werkstatt jedoch war es wunderbar einsam und still. Niemand löcherte Ellen mit Fragen. So hatte sie es am liebsten. Zufrieden sog sie den Duft der Schmiede ein - Holzkohle, kalter Rauch und ein Hauch von Eisen und Zunder. Wenn erst das Feuer wieder in der Esse brannte, würde der Schein der Flammen den dunklen Raum in weiches Licht tauchen und ihr Herz höher schlagen lassen. Höher, als jedes Fest es vermochte. Ellen blickte noch einmal hinter sich, als sie die Tür schloss. Das Licht der Dämmerung begann bereits den Himmel schiefergrau zu färben. Ich werde mich sputen müssen, dachte sie. Bald ist es dunkel, und es gibt noch eine Menge vorzubereiten. Erst wenn das Tageslicht ganz geschwunden war, würde sie mit dem Härten des Schwertes beginnen, denn in vollkommener Dunkelheit waren die Glühfarben am besten zu erkennen. Das Härten war die wichtigste und zugleich gefährlichste Aufgabe für einen Schwertschmied. Gelang dieser Schritt nicht, weil die Vorarbeiten nicht gut gewesen waren, knackte das Eisen während des Vorgangs und wurde spröde. Dann war die Arbeit von Wochen dahin, denn eine solche Klinge war unbrauchbar. Allein bei dem Gedanken daran fühlte Ellen ihre kalten Hände feucht werden. Obwohl sie schon seit langem zu den besten Schwertschmieden Englands gehörte, war das Härten auch für sie noch immer der aufregendste Arbeitsgang.

 

Sie klatschte in die Hände und rieb sie aneinander, um sie ein wenig zu erwärmen, dann ging sie zu der Esse, an der sie für gewöhnlich arbeitete. Sie war sauber ausgefegt. Ellen nickte zufrieden, der neue Lehrling hatte gemacht, was sie ihm aufgetragen hatte. Sie füllte Holzkohle in die Esse und entzündete trockenes Stroh und Holz mit Feuerstein und Zunder. Den würzigen Duft, der schon bald aufstieg, genoss sie mit geschlossenen Augen. Wie sehr sie dieses Handwerk liebte! Sie legte wie üblich zunächst das Werkzeug zurecht, das sie benötigen würde, und ging in Gedanken noch einmal jeden Schritt durch.

 

„Das kann unmöglich dein Ernst sein!“ Ellen fuhr zusammen. Als sie weder antwortete, noch sich umwandte, hakte ihr Isaak nach: „Was wird aus der Christmesse? Du kannst niemals fertig werden bis Mitternacht!“ Ellen zuckte mit den Schultern. „Niemand wird bemerken, dass ich nicht dabei bin.“ „So ein Unsinn!“, empörte sich Isaac. „Gott sieht alles! Bei aller Liebe für das Schmieden, Ellen, du versündigst dich! Heute Nacht feiern wir die Geburt unseres Herrn …“

 

„Glaubst du, ich wüsste das nicht?“, unterbrach sie ihn. „Der Herr aber hat mich mit meinen Fähigkeiten beschenkt, damit ich sie nutze, und nicht damit ich bete, dafür hat er die Pfaffen gemacht!“ Ellen wandte sich ab und begutachtete das Feuer. Wenn die Kohlen erst glühten, würde sie den Klingenrohling, der bereits mit einer schützenden Lehmschicht versehenen war, in die Glut legen und ihn sorgfältig mit den Kohlen bedecken. Es würde eine ganze Weile dauern, bis das Eisen heiß genug war. Wenn die Klinge gelbrot leuchtete, musste sie in einen langen Trog getaucht werden, und in dem eigens dafür vorbereiteten Gemisch aus Wasser vom nahen Bach und einigen Tropfen Urin abkühlen. Auch einen magischen Stein würde sie in den Trog legen und einen Spruch dazu aufsagen, denn die Klinge durfte nicht zu lange und nicht zu kurz in das Wasser getaucht werden, gerade so, dass sie hart, aber nicht brüchig wurde.

 

„Hochmut ist eine schreckliche Sünde!“, warf Isaac ihr vor und riss sie aus ihren Gedanken. Seine Stimme klang bitter. Ellen wusste, dass er noch immer glaubte, die Amputation seiner linken Hand, die sein Leben vor einigen Jahren vollkommen verändert hatte, sei die Strafe Gottes für seinen eigenen Hochmut gewesen. Tatsächlich hatte sich Isaac in seiner Selbstherrlichkeit nicht von Ellen helfen lassen wollen, nachdem er sich die Hand verletzt hatte. Er hatte weiter gearbeitet, bis die Hand schwarz und faulig geworden war. Hätte man sie ihm nicht abgetrennt, so wäre er am Brand gestorben, der sich in der Wunde ausgebreitet hatte.

    

„Du solltest dich in Demut üben!“, rief er erzürnt aus. Ellen sah ihn erstaunt an. Das Wort „Demut“ klang fremd aus seinem Mund. „Was glaubst du, halten wohl die Leute davon, wenn du nicht mit in die Kirche kommst? Es ist nicht richtig, dass Rose statt deiner unseren Jüngsten zu seiner ersten Christmesse in die Kirche tragen soll. Und auch an William denkst du nicht, wie üblich. Du hast ihm versprochen, dass wir mit den anderen auf dem Kirchplatz singen werden.“

 

„Das könnt ihr doch auch ohne mich tun“, tat Ellen seinen Einwand ab. „Dem kleinen Henry ist es gleich, wer ihn trägt, er wird die Messe ohnehin verschlafen. Und was die Leute sagen, schert mich nicht, das solltest du wissen!“ Ellen wischte mit der Hand über den bereits sauberen Amboss, als müsse sie Zunder entfernen. „Es ist nicht gottgefällig, in dieser Nacht zu arbeiten!“, beharrte er.

    

Ellen stöhnte. Auch wenn ihr Mann recht hatte, brachte sie es nicht über sich, das Härten zu verschieben. „Wenn ich es heute nicht mache, muss ich einen ganzen Monat warten, bis wieder Neumond ist! Dann kann ich auch nach den Feiertagen nicht an dem Schwert weiterarbeiten.“ Sie sah ihn bittend an. „Warum geht ihr nicht vor? Ich nehme das Pferd und komme nach. Mit ein bisschen Glück schaffe ich es, bevor die Messe zu Ende ist.“ Isaac schnaufte ärgerlich, machte kehrt und stürmte aus der Werkstatt. Ellen bereitete alles zur Härtung vor. Die Ruhe in der Schmiede war so wunderbar, dass sie Isaacs Auftritt schnell vergessen hatte.

 

Als die Zangen bereit lagen und der Trog gefüllt war, setzte sich Ellen auf einen Schemel und sah träumend in die Esse. Das Spiel der warmen Farben erfreute sie, und die Hitze des Feuers ließ ihre Wangen glühen. In den letzten Tagen hatte sie ständig nur an die Vorbereitungen gedacht und kaum noch geschlafen. Nun brannten ihre Augen. Das Feuer tauchte nur den kleineren Teil der Werkstatt in warmes Licht, der Rest blieb im Dunklen.

 

„Feuer!“, hörte Ellen eine angsterfüllte Stimme rufen und fuhr hoch. Ihr Herz pochte so heftig, dass es schmerzte. Sie rieb sich über die Augen und blickte sich um. Es war niemand in der Werkstatt. Alles schien in Ordnung zu sein. Ellen horchte in die Stille. Nichts. Kein Laut drang von draußen herein. Sie lief zur Tür, riss sie auf und sah über den Hof. Das Haus lag dunkel und ruhig da. Das einzige Feuer war das hinter ihr, in der Esse.

 

Ellen schloss die Tür wieder, kehrte zurück zu ihrem Amboss und dachte nach. Sie musste kurz eingenickt sein. Am Zustand der Glut erkannte sie jedoch, dass sie nicht lange geschlafen haben konnte. Ellen atmete tief ein. Bald war es an der Zeit, den Klingenrohling in die Glut zu legen. Bei dem Gedanken an das Härten ergriff Ellen ein merkwürdig flaues Gefühl, wie nach einer zu schweren Mahlzeit. Ihre Hände zitterten, als sie nach der Klinge greifen wollte. Die Einsamkeit der dunklen Schmiede, die sie soeben noch genossen hatte, erschien ihr plötzlich bedrohlich. Vielleicht hatte Isaac doch recht und Gott gefiel nicht, was sie zu tun gedachte.

 

„Ist es anmaßend, in der Nacht, in der Christus geboren wurde, ein Schwert zu härten?“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang seltsam fremd, und vor ihren Augen flackerte es. Ellen kniff sie zu, doch das Flackern, wie von lodernden Flammen, hörte nicht auf. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, dann brach ihr der Schweiß aus allen Poren. Noch in Gedanken schob Ellen die Kohlen, die nicht glühten, zur Seite, nahm die lehmbedeckte Klinge und legte sie an einen sicheren Ort.

 

„Isaac hat recht, ich muss lernen, mich in Demut zu üben.“ Sie räumte die Zangen wieder an ihren Platz, legte ihre schwere Lederschürze ab und hängte sie an den dafür vorgesehen Haken. Isaac würde sich freuen, wenn er sah, dass sie sich anders entschieden hatte. Ellen lächelte, nahm eine Fackel und entzündete sie an der Glut in der Esse. Mit dem flackernden Licht in der Hand huschte sie durch die Schwärze der mondlosen Nacht hinüber zum Haus. Das Wasser im Topf über der Feuerstelle war noch warm. Ellen wusch sich Hände und Gesicht, richtete ihre Haare und zog das feine Surkot über ihr Kleid, bevor sie sich den mit Pelz gefütterten Mantel überwarf. Als sie zum Stall ging, sah sie, dass ihr Pferd bereits gesattelt war, und saß auf. 

 

Die Dunkelheit schien das Licht der Fackel zu verschlucken. Ellens Pferd schritt nur zögerlich voran, obwohl es den Weg kannte. Die anderen waren in der Gruppe gegangen, und hatten das Licht vieler Fackeln gehabt. Ellen hatte gehört, wie sie mit lautem Singen davon gezogen waren. Warum war sie nur nicht gleich mit ihnen gegangen, statt ihren Sohn und ihren Mann zu enttäuschen? Ellen seufzte. Während sie noch darüber nachdachte, warum sie nicht nachgegeben hatte, zog ein rosagelber Lichtschein ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ellen sah genauer hin. Ungefähr da, wo die Mühle stand, war der Himmel von einem hellroten Schimmer erhellt.

 

Feuer! Ellen lenkte ihr Pferd vom Weg ab und galoppierte über die Wiese. Das Mehl! Um Gottes Willen, das Mehl darf nicht verbrennen, dachte sie entsetzt, als sie sah, dass eine der Scheunen in Flammen stand. Die Ernte im vergangen Herbst war dürftig ausgefallen. Die meisten Menschen aus der Umgebung brachten ihr Korn zur Mühle, und keiner von ihnen konnte sich leisten, es durch ein Feuer zu verlieren. Ellen sprang vom Pferd, stieß ihre Fackel in den Boden und band das nervös tänzelnde Tier an einem Baum fest. In aller Eile riss sie sich den weiten Mantel von den Schultern, warf ihn auf den Sattel und rannte zur Mühle. Mächtige Flammen schlugen aus einem der Ställe empor, und beißender Rauch stieg auf. Nirgends war jemand zu sehen.

 

„Feuer!“, rief Ellen und hämmerte mit den Fäusten an die Tür der Mühle, dann rannte sie hinüber zu dem brennenden Stall. Ein Pferd stürzte kopflos heraus und galoppierte panisch auf sie zu. Im letzten Moment sprang Ellen zur Seite. Nun stolperte auch der Knecht aus dem Stall. Keuchend wedelte er mit den Armen, dann krümmte er sich und hustete. „Um Gottes willen, seht nur dort, die Flammen schlagen über, das Korn!“, rief die Frau des Müllers und rannte aufgeregt herbei. Sie war schon zum Kirchgang angezogen und deutete auf die Scheune, die nur wenige Schritte vom Stall entfernt stand.

    

„Ihr geht Wasser holen und versucht, die Flammen im Stall zu löschen!“, rief Ellen ihr zu und lief dem Müller entgegen. „Kommt, wir bringen die Getreidesäcke in Sicherheit, bevor es zu spät ist!“ Dicke Schneeflocken begannen vom Himmel zu taumeln.  Ellen und der Müller eilten zur Scheune. Das Stroh auf dem Dach hatte durch fliegende Funken bereits Feuer gefangen. Große und kleine Säcke, die einen mit Mehl, andere mit Getreide gefüllt, stapelten sich in einer Ecke. Ellen hievte einen der großen und besonders schweren Säcke auf ihre Schultern und schwankte dicht hinter dem Müller hinaus. Sie trugen die Säcke hinüber zur Mühle, damit sie im Trockenen standen. Mehr als ein dutzend Mal liefen sie den Weg hin und zurück, und jedes Mal schien er länger zu werden. Am letzten Sack, den sie hinaustragen wollte, leckten bereits die Flammen. Ellen wollte sie ersticken, als ein Balken aus dem Dachstuhl brach und krachend auf den Müller niedersauste. Erschrocken ließ sie den Getreidesack fallen und eilte dem Verletzten zur Hilfe. Der Balken hatte das Bein des Müllers eingeklemmt. Ellen zog und zerrte daran, doch das Schleppen der Säcke hatte sie schon zu viel Kraft gekostet.

 

„Madoc!“, schrie sie und hustete heftig. „Geh, Schmiedin!“, forderte der Müller sie auf, als der Knecht nicht kam, und nickte ihr auffordernd zu. Ellen tätschelte seine Wange und blieb neben ihm hocken. Der beißende Qualm, der inzwischen die ganze Scheune erfüllte, brannte in den Augen und nahm ihnen den Atem. Der Dachstuhl knarrte beängstigend, und die Hitze wurde unerträglich. Besorgt sah Ellen noch einmal nach oben. Das ganze Dach stand in Flammen. Sie durften keine Zeit mehr verlieren! Erneut versuchte sie, den schweren Balken zur Seite zu schieben. Zunächst rührte er sich keinen Zoll, doch Ellen gab nicht auf. Mit ihrem ganzen Körper stemmte sie sich dagegen und drückte so lange, bis er schließlich nachgab. Erleichtert zog sie den Müller unter dem Balken hervor und schleifte ihn mit letzter Kraft aus der Scheune.

 

„Oh Gott, was ist geschehen, lebt er?“, rief die Müllerin in Panik und rannte auf sie zu. Der Müller hob beschwichtigend die Hand. „Sorge dich nicht, Martha“ — er hustete und lächelte tapfer, obwohl er ganz offensichtlich starke Schmerzen hatte —, „die Schmiedin hat mir das Leben gerettet, Gott vergelt’s ihr.“

 

Schnee bedeckte inzwischen den Boden, und noch immer fielen dicke, nasse Flocken vom Himmel. „Der Herr hat ein Einsehen mit unserem Elend gehabt“, sagte die Müllerin und zeigte zum Stall. Nur Rauch stieg noch auf. Während sie und das Gesinde Wasser in Eimern herbeigeschleppt hatten, war der Schnee ihnen zu Hilfe gekommen und hatte die Flammen gelöscht. Zwar würden Scheune und Stall neu aufgebaut werden müssen, doch immerhin waren Mühle und Korn verschont geblieben. „Wir müssen ihn reinschaffen, los Madoc, hilf mir, er kann nicht hier draußen liegen bleiben.“ Die Müllerin nahm die Füße ihres Mannes, während der Knecht den Müller unter den Achseln packte.

    

Ellen folgte ihnen ins Haus. „Sagt mir, wie euch sonst noch helfen kann.“ „Es ist Weihnachten, du hast des Guten genug getan, Schmiedin. Geh, und feiere die Messe mit deiner Familie.“

 

 „Aber …“, wandte Ellen ein, doch die Müllerin ließ sie nicht ausreden.

 

„Bete für uns, Ellen, und danke dem Herrn, dass es nicht schlimmer gekommen ist.“ Dann wandte sie sich ab, um die Wunden ihres Mannes zu versorgen. Als Ellen sah, dass sie nichts mehr tun konnte, ging sie zu ihrem Pferd, warf sich den Mantel über, saß auf und ritt davon. Bäume, Sträucher und Wiesen waren mit Schnee bedeckt, der das Licht der Fackel spiegelte und ihren Weg hell und freundlich scheinen ließ. Ellen trieb ihr Pferd an, obwohl sie kaum Hoffnung hatte, die Kirche noch rechtzeitig zur Angel’s Mass, wie die erste der drei Weihnachtsmessen genannt wurde, zu erreichen.

 

Ihr Pferd aber schien beflügelt von dem glitzernden Schnee und flog geradezu über den Boden, sodass sie schon bald den Vorplatz der Kirche erreichte. Das steinerne Gotteshaus war der Stolz des Dorfes. Ellen glitt vom Pferd und band es an einem dafür vorgesehenen Pflock an. Es standen noch weitere Tiere dort, und im frischen Schnee waren keine Fußspuren zu sehen. Die Messe war also noch nicht beendet!

 

Erleichtert sprang Ellen die vier lang gezogenen Stufen hinauf, die zur Kirche führten, vorbei an den mit Äpfeln geschmückten Bäumen. Ellen lächelte gerührt. Jedes Jahr dekorierte der Priester die Bäume auf diese Weise. Sie wurden Adam and Eve trees genannt und waren an Weihnachten nicht wegzudenken. Ellen erreichte die Eichentür der kleinen Kirche und drückte sie so leise wie möglich auf. Da im Gotteshaus gerade gesungen wurde, hörte niemand das Quietschen der Eisenscharniere. Ellen stellte sich kurz auf die Zehenspitzen und suchte über die Köpfe der anderen hinweg nach Isaac. Zum Glück standen er, Jean, Rose und die Kinder nicht sehr weit vorn. Ellen drängte sich durch die Menge, grüßte hier und da mit einem Nicken und stand schon bald neben ihrem Mann, als sei sie von Anfang an dabei gewesen.

 

„Wie siehst du denn aus?“, raunte Isaac ihr missmutig zu und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Hättest dich wenigstens waschen können. Du bist voller Ruß!“ Er schüttelte verständnislos den Kopf und wandte sich wieder dem Priester zu, der soeben das Wort ergriffen hatte.

 

Demut, du musst dich in Demut üben, dachte Ellen. Sie  hatte schon zu einer Erklärung ansetzen wollen, schwieg aber nun. Ergeben senkte sie den Blick und dankte dem Herrn in stillem Gebet für die Rettung des Müllers und die Gnade, die er ihr erwiesen hatte, als er Isaac, durch den Mund ihrer sterbenden Schwester, zu ihrem Mann bestimmt hatte. Auch wenn er genauso dickköpfig war wie sie selbst, hätte sie sich doch keinen besseren Mann wünschen können.

 

Ellen war so sehr in die Zwiesprache mit Gott vertieft, dass sie erschrak, als die Menschen um sie herum nach draußen drängten. Die Messe war vorüber, und auch Isaac war bereits auf dem Weg hinaus. Schweigend folgte Ellen ihrem Mann. Das Licht der unzähligen Fackeln glitzerte im Schnee. Die Kinder jubelten laut, als sie die weiße Pracht entdeckten, die ihnen der Herr während der Messe beschert hatte. Sofort stürzten nicht nur die Jüngsten los, formten Schneebälle und bewarfen sich damit. Auch die Älteren und sogar die ganz Alten erfreuten sich an dem in dieser Gegend so seltenen Glanz zum Weihnachtsfest.

 

„Na, warte, wenn ich dich kriege!“, rief Ellen aus und rieb sich den Kopf. William hatte sie mit einem Schneeball getroffen. Ihr Sohn gab Fersengeld, und sie stürzte ihm nach. Schon nach wenigen Schritten fing sie ihn ein, riss ihn um und ließ sich mit ihm in den Schnee fallen. „Du Lausebengel!“, rief sie und zerzauste ihm das Haar mit einer Handvoll Schnee. William war zehn und hielt sich bereits für einen Mann, doch für Rose und seine Mutter war er noch immer ein Kind. „Ich werde dir noch beibringen, was es heißt, seine Mutter mit Schnee zu bewerfen!“, drohte sie lachend. Sie formte eine Kugel aus dem pappigen Weiß und warf sie in Isaacs Richtung. „Das war William!“, rief sie und lachte, als der wild gestikulierend protestierte. „Komm nur und zeig ihm, was ihm blüht…“, rief sie ihrem Mann übermütig zu, und noch ehe sie ihren Satz beendet hatte, war ihr Mund voller Schnee. Jean hatte sich von hinten angeschlichen und steckte ihr obendrein noch eine ganze Hand voll davon in den Halsausschnitt ihres Gewandes.

 

„Oh, du Hinterhältiger, greifst meine arme wehrlose Frau an!“, rief Isaac lachend und begann Jean mit Schnee zu bewerfen. Nur Rose war am Rand des Schlachtfelds stehen geblieben und beteiligte sich nicht. Sie hielt den kleinen Henry, Ellens und Isaacs Jüngsten, im Arm und lächelte. Ihr eigener Nachwuchs sowie Isaacs Kinder aus erster Ehe waren ebenfalls in der sich balgenden Menge verschwunden und rauften sich mit den Kindern des Dorfes.

 

Am Ende der großen Schlacht sahen alle müde und überglücklich aus. Isaac nahm Ellen versöhnlich in den Arm und wischte ihr mit Schnee den restlichen Ruß aus dem Gesicht, bevor er sie auf den Mund küsste. „Igitt!“ William wandte sich angewidert ab, und die Großen lachten ihn aus. Dann machten sie sich auf den Heimweg. Ellen nahm ihren Jüngsten, und William durfte das Pferd am Zügel führen. Singend und lachend kamen sie zu Hause an. Rose entfachte sogleich ein prasselndes Feuer, bereitete heiße Milch mit Honig für die Kinder zu und schickte sie anschließend zu Bett.

 

„Die Nacht ist kurz genug bis zum Sonnenaufgang und dem Beginn der Shepherds Mass“, sagte sie streng „also legt euch schlafen!“ Die Kinder murrten zwar, gehorchten aber brav, denn die Frühmesse wollten sie auf keinen Fall verpassen. Jean, Rose, Ellen und Isaac tranken noch ein heißes Ale, aßen von der Fleischpastete und begaben sich dann ebenfalls zur Ruhe.

    

Zur Shepherds Mass, der Messe der Schafhirten, wie sie genannt wurde, war die Kirche ebenso voll wie in der Nacht zuvor. Alle waren ein wenig müde, aber guter Dinge, drängten sich um die Kohlebecken, die in dem kleinen Kirchenschiff aufgestellt worden waren, und rieben sich die klammen Hände. Als Ellen mit ihrer Familie die Kirche betrat, erklang begeisterter Beifall. „Die Schwertschmiedin lebe hoch!“, rief jemand, und die anderen stimmten ein. „Hoch!“, riefen sie. Der Priester kam auf Ellen zu und begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln und einem herzlichen Händedruck.

 

Isaac sah seine Frau fragend an, doch Ellen mied seinen Blick. Sie wusste, dass er es nicht gutheißen würde, dass sie ihm nichts von dem Brand erzählt hatte, selbst wenn sie beteuern würde, aus Demut nichts gesagt zu haben. „Die Müllerin hat Madoc geschickt, und der hat mir von deiner mutigen Tat in der gestrigen Nacht berichtet. Nicht nur, dass du geholfen hast, das Getreide der Dorfbewohner aus der Scheune zu holen, bevor es verbrennen konnte, du hast dem Müller obendrein das Leben gerettet! Das war selbstlos und mutig, liebe Ellen, Gott wird dich dafür belohnen, wenn du am Jüngsten Tag vor deinen Richter trittst!“ Der Priester legte ihr segnend die Hand auf den Scheitel, und alle um sie herum jubelten.

 

„Wir haben erst kürzlich gebraut, ein Fass von unserem köstlichen Bier gehört dir, Schmiedin!“, rief jemand aus der Menge. „Wir bringen dir Pasteten für dein Festmahl!“, erhob sich eine andere Stimme. Und bevor noch mehr Menschen ihr eine Belohnung versprechen konnten, hob Ellen abwehrend die Hände und sagte mit belegter Stimme: „Danke, Freunde! Vielen Dank! Ich bin zutiefst gerührt, doch wisset, in der Schmiede mangelt es nicht an Speis und Trank. In der Mühle aber, so fürchte ich, werden sie darben müssen, wenn wir nicht helfen. Lasst uns also von dem, was wir für unsere Familien bereitet haben, ein wenig abgeben. Den meisten von uns geht es gut genug, um etwas entbehren zu können, und seien es nur ein paar Eier, etwas Käse oder Speck.“ Der Gedanke, den Müllersleuten und ihrem Gesinde ein anständiges Fest bescheren zu können, erfüllte sie mit solcher Freude, dass ihre Wangen rot anliefen und sich ganz heiß anfühlten. „Was haltet ihr davon, wenn jeder, der etwas geben will, es zur Mittagsmesse mitbringt, und nachdem wir Gottes Wort vernommen haben, gehen wir gemeinsam zur Mühle?“

 

„Ja, so machen wir es!“, stimmten die Dorfbewohner ihr freudig zu und beratschlagten noch eine Weile, wer was geben würde. „Du hast also gestern nicht die Klinge gehärtet?“, raunte Isaac ihr zu. Ellen schüttelte den Kopf. „Du hattest recht, es war falsch, in der Heiligen Nacht arbeiten zu wollen. Das habe ich noch rechtzeitig begriffen und deshalb mein Werkzeug zusammengepackt und die Schmiede verlassen, um noch zu Beginn der Messe bei euch zu sein“, erklärte sie ungewohnt kleinlaut und scharrte mit dem Fuß über den Boden.

 

„Aber der Ruß …“ Isaac schien nicht glauben zu können, dass sie tatsächlich auf das Schmieden verzichtet hatte.  „War von dem Brand, ich habe nicht geschmiedet, ehrlich!“ „Du hättest mir die Wahrheit sagen müssen!“ Isaac wandte sich enttäuscht ab und würdigte Ellen den Rest der Messe über keines Blickes mehr.

 

Nach dem Gottesdienst versammelten sich die Gläubigen auf dem Kirchplatz, beglückwünschten Ellen noch einmal, schwatzten und scherzten. Einige Dorfbewohner hatten sich verkleidet und führten zur Unterhaltung der anderen lustige Geschichten auf, die sie ohne Worte und nur mit wilden Gesten vortrugen. Das Amüsanteste aber war, dass sich dabei die Männer als Frauen und die Frauen als Männer ausgaben. Nach einer Weile zerstreute sich die Menge, und ein jeder ging heim, um die letzten Vorbereitungen für das Festmahl zu treffen und bereit zu legen, was er dem Müller und seiner Familie zu bringen gedachte.

 

Isaac schwieg auch nach der Messe beharrlich. Rose dagegen schwatzte unaufhörlich, als wollte sie nicht zulassen, dass sein Zorn diesen wunderbaren Tag trübte. Jeder der Dorfbewohner brachte zur Mittagsmesse etwas für die Müllersleute mit. Es waren Fleischpasteten darunter, eine fertig gerupfte Gans und zwei Hühner, Eier, Milch, Mandeln, Nüsse, Äpfel, Brot, Ale und Gewürzkuchen. Die Gaben waren so reichlich, dass alle in der Mühle mehr als satt würden. Jeder hatte seine Freude daran, etwas zu geben und Gutes zu tun.

 

Einer der Bauern nahm Ellen beiseite. „Luke, der Sohn von Aelred, dem Tagelöhner, wünscht sich nichts sehnlicher als Schwertschmied zu werden. Er ist geschickt und fleißig, aber sein Vater kann kein Lehrgeld für ihn bezahlen, darum wagt der Junge nicht, bei Euch vorzusprechen.“ Respektvoll verneigte er sich. „Ihr habt schon so viel Gutes getan, ich sollte Euch nicht mit einer weiteren Bitte belästigen. Und doch, vielleicht seht Ihr Euch den Jungen einmal an?“ „Ein guter Rat, das werde ich!“ Ellen lächelte und klopfte dem Bauern auf die Schulter, bevor er davonschlich. Dann rief sie den schüchternen Jungen zu sich und fragte ihn, was er vom Schwertschmieden halte. Sofort begannen seine Augen zu leuchten wie Sterne. „Komm nach den Feiertagen in die Schmiede, damit ich dich prüfen kann“, sagte sie streng. „Wir können das Lehrgeld nicht –“, setzte der Junge traurig an. „Darüber reden wir, wenn ich mir angeschaut habe, wie du dich bei der Arbeit anstellst“, unterbrach Ellen ihn. „Zuerst einmal will ich sehen, ob du fleißig bist und tust, was man dir aufträgt.“

 

„Ja, Schmiedin!“, antwortete er glücklich, verneigte sich und stob davon. Ellen sah ihm mit Wehmut im Herzen nach. Wie gern hätte sie ihren Ältesten mit solcher Begeisterung für die Arbeit in der Schmiede gesehen, der aber konnte sich nicht im Entferntesten für das Handwerk seiner Vorväter erwärmen.

 

Nachdem der Priester die Menschen, das Vieh und die guten Gaben für den Müller gesegnet hatte, verließ die kleine Prozession den Kirchplatz und machte sich auf den Weg. Je näher sie der Mühle kamen, desto beklommener wurde Ellen. Die bedrohlichen Bilder der vergangenen Nacht waren auf einmal bedrückend gegenwärtig. Wie das Gerippe eines ausgeweideten Tieres ragten die Überreste der Scheune aus dem Boden. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, erst jetzt erkannte sie das Ausmaß der Gefahr, in der auch sie sich befunden hatte. Der Stall, aus dem Madoc die Tiere befreit hatte, war vollkommen abgebrannt. Schwarz verkohlt und teilweise von Schnee bedeckt, lagen nur noch einige Trümmer herum. Mit Verbänden um Kopf, Schulter und Bein ruhte der Müller auf seinem Lager, als die Dorfbewohner in die Stube schauten. Die Müllerin schluckte betreten, und das Gesinde strahlte, als die Köstlichkeiten für das Festmahl hereingetragen wurden. „Es war der Einfall der Schmiedin“, raunte jemand der Müllerin zu.

 

„Du bist ein Engel, den uns der Herr gesandt hat!“, sagte diese mit Tränen in den Augen und tätschelte Ellen die Wange. „Ich danke dir.“ Dann wandte sie sich an die übrigen Besucher: „Und euch danken wir ebenfalls von ganzem Herzen!“ Sie schüttelte Hände, klopfte auf Schultern und lachte, während ihr gleichzeitig Tränen über die Wangen rollten.

 

Die Dorfbewohner verabschiedeten sich. Sie winkten und zogen fröhlich singend davon, um mit den Ihren das Wiegenfest des Herrn zu feiern.

 

     Auch Ellen und Isaac machten sich auf den Weg nach Hause.

     „Es tut mir leid!“ Ellen sah ihren Mann flehend an.

     „Du bist eine Heldin“, gab Isaac einsilbig zurück.

 

Als sie in der Schmiede ankamen, trugen Rose und Jean allerlei festliche Speisen auf. In Ermangelung eines echten Wildschweins, wie es in vielen Häusern auf den Tisch kam, hatte Rose eine riesige Pastete gebacken, die wie ein Keiler geformt war, dazu hatte sie Geflügel zubereitet und eine scharfe Sauce, die mit Pfeffer und Ingwer gewürzt war. Zum Schluss sollte es Gewürzküchlein geben, die mit Honig gesüßt waren. Ihr köstlicher Zimtduft erfüllte das ganze Haus. In der Herdstelle knisterte ein gemütliches Feuer und warf flackernde Schatten an die Wand. Als endlich alle bei Tisch saßen, begann Isaac das Tischgebet zu sprechen. „Wir danken dir, Herr, für die Gaben auf unserem Tisch, für die Arbeit in unserer Werkstatt, für unseren Wohlstand, für Gesundheit und Glück.“ Dann nahm er, wie es dem Hausherrn gebührte, die Schale mit dem stark gewürzten und mit Honig gesüßten heißen Ale und erhob sie.

 

An Ellen gewandt, sagte er mit rauer Stimme: „Du hast dem Müller das Leben und unser aller Getreide gerettet und wieder einmal bewiesen, dass du einem Mann ebenbürtig bist.“ Isaac rieb mit dem Armstumpf über sein Hemd, wie er es häufig tat. „Du bist die Seele der Schmiede und der wahre Herr dieses Hauses, das gestehe ich neidlos ein. -  Bin sogar stolz darauf.“ Er lächelte Ellen zu. „Darum meine ich, dass du heute den Trinkspruch ausbringen solltest!“ Mit diesen Worten reichte er Ellen die Schale. Das Blut schoss ihr in den Kopf. Mit einem scheuen Lächeln und zitternden Händen nahm Ellen von ihrem Mann die Schale entgegen und hielt sie hoch.

 

„Waes hael – Wohlsein!“, rief sie den anderen zu.

 

„Drink hael – Trink wohl!“, antworteten sie und nickten, als Ellen einen kräftigen Schluck nahm. Nachdem sie getrunken hatte, ließ Ellen die Schale herumgehen, und jeder genehmigte sich einen mehr oder minder großen Schluck von dem starken, heißen Gebräu. „Was für ein wunderbares Weihnachtsfest!“, murmelte Ellen zufrieden.

Erstveröffentlichung 2007 Club Bertelsmann

 

 

 

 

aktualisiert im November 2018 | crefelder-geschichte[aet]t-online.de